COMRADE CONRADE. Demokratie und Frieden auf der Straße

 

Das mehrjährige Kunst-, Forschungs- und Friedensprojekt COMRADE CONRADE. Demokratie und Frieden auf der Straße  ist  interdisziplinär angelegt und beschäftigt sich mit dem öffentlichen Raum der Stadt Graz, genauer der Conrad-von-Hötzendorf-Straße.
Mit Blick auf das Gedenkjahr 2018 (100 Jahre Ende des Ersten Weltkriegs und Ausrufung der Ersten Republik, 100. Jahrestag Allgemeines Wahlrecht für Männer und Frauen, 80. Jahrestag des Anschlusses Österreichs an Nazi-Deutschland, 70 Jahre Menschenrechte) untersucht das Projekt am Beispiel eines repräsentativen Grazer Straßenzuges Zustand und Zukunft von Demokratie und Frieden in gelebter Form.

Für den Projektzeitraum (2016-2019) sind mehrere methodisch wie inhaltlich eigenständige diskursive Veranstaltungen geplant. Diese sind durch übergeordnete Fragestellungen synergetisch verbunden und greifen im Projektverlauf ineinander über.

Die interdisziplinäre Ausrichtung des Projekts gibt die Möglichkeit, ein Netzwerk von Künstler*innen und universitären Einrichtungen / Vereinen / Initiativen / Institutionen / Einzelpersonen des kulturellen, sozialen, gesellschaftspolitischen und zivilgesellschaftlichen Lebens in Graz zu bilden und sich mit Schwerpunkten zwischen Partizipation, konstruktiver Kritik und Ermächtigung inhaltlich zu beschäftigen, beziehungsweise gemeinschaftlich zu neuen Formen demokratischen Handelns zu gelangen.

 

HINTERGRUND

Warum die Benennung COMRADE CONRADE?

Der Begriff COMRADE verweist einerseits auf den militärischen Aspekt, dem sowohl die aktuelle Benennung nach Franz Conrad von Hötzendorf als auch der physischen Konzeption dieser Straße innewohnt, steht aber andererseits auch für einen kollegialen, solidarischen Umgang miteinander. CONRADE weist als weiblicher Vorname auf das Fehlen so vieler Frauen innerhalb großer Geschichtsschreibungen hin.

Warum der Bearbeitungsfokus Conrad-von-Hötzendorf-Straße?

Die Konzentration auf die Conrad-von-Hötzendorf-Straße erklärt sich einerseits durch die Vielzahl an demokratiepolitisch wichtigen Institutionen, die diese Straße zu einer der wichtigsten Straßen von Graz machen. Die repräsentativen Säulen eines Staates spiegeln sich innerhalb von etwas mehr als zwei Kilometern wider. Die Straße vereint eine große Zahl an Gesichtern und Lebensrealitäten miteinander, es befinden sich hier sehr viele wichtige Institutionen und Firmen: das Finanzamt, die Stadthalle, das Straflandesgericht und die Justizanstalt, das Stadion, verschiedene Schulen, Versicherungshäuser, u.v.a..
Andererseits befindet sich diese Straße seit einigen Jahren in einem massiven städtebaulichen Transformationsprozess, der auch aktuell durch verschiedene Um- und Neubau-Projekte das Antlitz der Stadt Graz weiter verändern und prägen wird.

Weiters kann die Conrad-von-Hötzendorf-Straße auf eine bewegte Benennungs- und Umbenennungshistorie verweisen: Die Äußere Jakoministraße wurde 1935, zur Zeit des autoritären Ständestaates, nach dem Generalstabschef der Habsburgermonarchie, Franz Conrad von Hötzendorf, umbenannt, um mittels Geschichte eine nationale österreichische Identität zu formen. Conrad von Hötzendorf war wesentlich für den Weg in den Ersten Weltkrieg und die brutale Kriegsführung und Übergriffe gegenüber Zivilist*innen mitverantwortlich.

Warum 2018?

Anlässlich des 100jährigen Gedenkens an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde 2014 eine Umbenennungsinitiative für die Conrad-von-Hötzendorf-Straße gestartet, die allerdings politisch keine Mehrheit fand.
Zum 100jährigen Gedenken an den Beginn des demokratischen Staates Österreich ist die Frage nach Geschichtsschreibung durch Zeichen des öffentlichen Raumes durchaus stellbar, da sie viel mit der Grundintention des Projektes gemein hat, nachzusehen, wie es denn um unseren aktuellen Zustand von Demokratie und Frieden auf der Straße aussieht. Und wie wir uns eine Zukunft gemeinsam vorstellen.

Demokratie und Frieden auf der Straße

Innerhalb des gesamten Projektes stehen im Vordergund, genauer hinzuschauen, einen differenzierteren Blick auf die Entwicklungen und auch die Hintergründe unseres (verorteten) Zusammenlebens zu bekommen und reflektiert zu handeln.
Auch und gerade in einer liberalen Demokratie ist ein Nichtakzeptieren von Dingen, die nicht akzeptierbar sind (weil sie den Menschenrechten zuwiderlaufen),  notwendig um Vertrauen und somit Halt zu geben. Angst vor Ausschluss, Unsicherheiten und Herabwürdigungen schaffen keine Basis um an einer gemeinschaftlichen Zukunft weiterarbeiten zu wollen. Das Vertrauen darauf, dass Spielregeln von allen eingehalten werden, machen Demokratien erst zu einem erstrebenswerten Konstrukt für alle, da sie als einzige Staatsform das Wohl aller, aber eben auch des Einzelnen und der Einzelnen, im Zentrum hat. Lösungen für eine gemeinschaftliche Zukunft können nur auf Hoffnung gebaut und mit Vertrauen entwickelt werden.

Nicole Pruckermayr