Tagung

Projektleitung: Univ.-Prof. Dr. Johanna Rolshoven, Assoz.-Prof. Dr. Gerald Lamprecht
Institut für Kulturanthropologie und Europ. Ethnologie
Centrum für jüdische Studien

 

Inhalt

Die internationale Tagung “Demokratie und Frieden auf der Straße” geht der Frage nach,  wie auf Straßen weltweit Demokratie und Frieden gelebt, verhandelt und repräsentiert werden. Vor dem Hintergrund des Gedenkjahrs 2018 untersucht die Veranstaltung städtische Straßenzüge als Gradmesser für politische Teilhabe, soziale Kohärenz und alltägliche Konfliktbewältigung. Internationale Expert*innen aus verschiedenen kultur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen diskutieren gemeinsam mit Künstler*innen, Studierenden und interessierten Stadtbewohner_innen, wie im öffentlichen Raum der Straße – historisch wie aktuell – Machtverhältnisse zwischen Geschlechtern, Generationen,
Institutionen, politischen Akteuren und sozialen Gruppen sichtbar und herausgefordert  werden.

Folgende Leitfragen werden in einem interdisziplinären Dialog verfolgt und öffnen durch die besondere Berücksichtigung alltäglicher urbaner Praktiken auf Straßen neue Dimensionen der wissenschaftlichen Forschungen zu Frieden und Demokratie:

  • Welche gesellschaftlichen: staatlichen, zivilgesellschaftlichen, sozialen, kommerziellen Bauten,  Akteure*innen und Nutzungsformen charakterisieren Straßen als Stadträume, die Zentrum und Peripherie miteinander verknüpfen?
  • Welche Arten der Un/Sichtbarkeit von Mehr- und Minderheiten, von Geschlechterverhältnissen oder von sozialen Ungleichheiten können lokalisiert werden? Welche sozialen Gruppen nutzen den Straßenraum aus welchen Gründen und in welchen Formen?
  • Welche gebauten Repräsentationsräume und welche alltagsweltlichen Nutzräume kennzeichnen die Straße? Inwieweit und in welchen lebensweltlichen Kontexten und zu welchen gesellschaftlichen Anlässen schreiben sie sich in das Gedächtnis der Stadt ein?
  • Welche demokratischen Prinzipien und Entscheidungsprozesse werden auf Straßen als Verhandlungsort und Austragungsort sozialer Konflikte sichtbar und greifbar? In welcher Weise und mit welchen Mitteln können Friede und Demokratie alltäglich mitgestaltet werden?

 

 

PROGRAMM

TAG 1 | 29. JUNI  2018

 

9:30
Eröffnung und Einleitung

Nicole Pruckermayr, Johanna Rolshoven, Gerald Lamprecht

 

10:00
Die Conrad-von- Hötzendorf-Straße | Geschichte und Gedächtnis

Moderation: Gerald Lamprecht

 

Von der Kühtratten zur repräsentativen Headquarter-Meile:
Die architekturhistorische Entwicklung der Conrad-von- Hötzendorf-Straße in Graz

Gertraud Strempfl-Ledl
(Internationales Städteforum GRAZ)

ABSTRACT: Die historische Altstadt von Graz zeigt in der Baustruktur der bayrischen Hofstätten bis heute den Charakter einer Acker-Bürger-Stadt. Deshalb lag außerhalb der Stadtbefestigung, auf halbem Weg ins südlich gelegene Liebenau die Kühtratte, die Gemeinschaftsweide der Grazer Bürger_innen. Erst mit der Anlage des Jakominiplatzes ab 1786 schob sich zwischen die aufgelassene Stadtbefestigung und die Weidefläche ein erster geplanter Stadtteil. In der Verlängerung der zentral vom Platz Richtung Süden führenden Jakoministraße sollte die neue, Äußere Jakoministraße als Allee ab 1874 nach Liebenau führen. Die repräsentative Gründerzeitachse als großzügige bürgerliche Wohnstraße, durchsetzt von öffentlichen Gebäuden – wie der k.k. Finanzlandesdirektion, dem k.k. Strafgericht, dem Industriepalast und dem südlich davon gelegenen Ostbahnhof – mündete allmählich in die dörfliche Struktur von Liebenau. Die Stadtplanung des 19. Jahrhunderts, die breite Achsen über die gewachsene Stadtstruktur legte, die u. a. auch militärische Aspekte beinhalteten, kam auch den „Aufmarschideen der Nationalsozialist_innen“ und ihrer Vorstellung von politischer Repräsentationsarchitektur entgegen. Ihre monströsen Projekte für die seit 1935 nach Conrad von Hötzendorf benannten Straße blieben Planungen; die tlw. Funktion des Messegeländes wurde in der Nachkriegszeit übertüncht durch das internationale Getriebe der Grazer Messe, das während weniger Wochen die Conrad-von Hötzendorf-Straße zum Fokus der steirischen und süd-osteuropäischen Wirtschaft machte. Erst der ab 1995 begonnene Stadionbau am südlichen Endpunkt der Achse rückte die Gesamtkonzeption der Conrad-von-Hötzendorf-Straße wieder in den Mittelpunkt einer städtebaulichen Diskussion. Seither bringen der Stadthallenneubau und das vis-àvis gelegene Headquarter der Styria zeitgenössische Kontrapunkte zur gründerzeitlichen Dominante. Dazwischen wird nun „urbanes Wohnen“ propagiert. Das Spannungsfeld aus Funktionen und Nutzungsansprüchen sowie die architektonische Repräsentanz zwischen Baudenkmal und zeitgenössischem Wahrzeichen verdienen aus architekturhistorischer Sicht eine nähere Betrachtung.

Link zum Nachhören:
https://cba.fro.at/382403

 

Habsburg-Revival.
Die Conrad-von-Hötzendorf-Straße im Kontext der austrofaschistischen Geschichtspolitik

Werner Suppanz
(Institut für Geschichte / Fachbereich Zeitgeschichte der Universität Graz)

ABSTRACT: Im Jahr 1935 wurde die austrofaschistische Geschichtspolitik im Grazer öffentlichen Raum in besonders auffälliger Weise sichtbar. Neben der  öffentlichkeitswirksamen Aufstellung des Tegetthoff-Denkmals auf dem nach ihm benannten Platz am 1. Dezember zeigen z. B. die Rückbenennung des Schloßbergkais in Kaiser-Franz-Josef-Kai und eben die Umbenennung der Äußeren Jakoministraße in
Conrad-von-Hötzendorf-Straße durch einen Stadtratsbeschluss am 7. Juni die Stoßrichtung der „vaterländischen“ Deutung österreichischer Geschichte: die Setzung des „Ständestaates“ in unmittelbare Kontinuität zur Habsburgermonarchie, ein damit verbundener, gegen die 1933/34 beseitigte demokratische Republik gerichteter Revisionismus sowie die Propagierung von „Größe“ und des Militärischen als Grundlage autoritärer Gesellschaftsordnung. In diesem Kontext spielte die heroisierende Erinnerung an Kriege – und insbesondere den Ersten Weltkrieg als „letzter, schwerster Kampf“ für „Alt-Österreichs schönstes Heer“ – eine wesentliche Rolle. Der Beitrag geht von grundsätzlichen Überlegungen zu Straßenbenennungen als Mittel geschichtspolitischer Zeichensetzung aus. In einem weiteren Schritt sind die konkreten Umstände der Benennung der Conrad-von-Hötzendorf-Straße das Thema, die schließlich als Element einer umfassenden Strategie der Gestaltung des öffentlichen Raumes im Sinne der austrofaschistischen Erzählung von österreichischer Geschichte diskutiert wird.

 

 

Die Grazer Conrad-von-Hötzendorf- Straße im Gedenkjahr 2014:
Umbenennungsinitiativen und die politische Debatte

Daniela Grabe
(Verein für Gedenkkultur in Graz)

ABSTRACT: Das Jahr 2014, 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs, wurde vielerorts als besonderes Gedenkjahr begangen. Speziell im deutschsprachigen Raum und in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Österreich-Ungarn, von dessen Ultimatum und  Kriegserklärung an Serbien die „Große Ur-Katastrophe“ ihren Ausgang genommen hat, gab es eine Vielzahl an wissenschaftlichen und Gedenk-Veranstaltungen, mit denen man der Verantwortung für die eigene Geschichte gerecht werden wollte. Die Gründe für den „Ausbruch“ – bzw. die bewusste Forcierung – eines großen Krieges und die spezielle Rolle von hohen Funktionsträgern wie dem damaligen Generalstabschef der österreichisch-ungarischen Armee und späteren Generalfeldmarschall Franz Conrad von Hötzendorf, standen dabei häufig im Zentrum von Gedenkinitiativen, wissenschaftlichen Diskursen und (schulischen) Vermittlungsprojekten. Auch in Graz gab es Bemühungen, die Stadt möge sich dieser historischen Verantwortung stellen, speziell im Bereich des öffentlichen Gedenkens durch die Benennung von Straßen und Plätzen, ist doch eine der größten und zentralen Straßen der Stadt nach eben jenem Conrad von Hötzendorf benannt, über dessen problematische Rolle – auch Hauptverantwortlicher für die Menschenrechtsverbrechen im sog. Internierungslager Thalerhof – wohl alle relevanten Fakten längst erforscht sind. So gab es mehrere Initiativen im Grazer Gemeinderat, dem politischen Gremium der Stadt, welches für Benennungen öffentlicher Verkehrswege zuständig ist, im universitären Bereich und durch engagierte Einzelpersonen, mit denen einerseits eine breite öffentliche Diskussion und Bewusstseinsbildung, anderseits aber auch eine seriöse Beschäftigung mit der Frage einer Umbenennung dieser zentralen Straße angeregt werden sollte. Warum aber in Graz, anders als in manch anderer Stadt im deutschsprachigen Raum, das öffentliche Gedenken fast gänzlich ausgefallen und – in Bezug auf eine etwaige Straßen-Umbenennung – das Bemühen um eine breite Diskussion mit einem Gemeinderatsbeschluss im Jänner 2014 relativ schnell „eingefroren“ worden ist, hat wohl einerseits mit der politischen Konstellation im damaligen Grazer Gemeinderat zu tun, andererseits mit einer aus Sicht der Initiatorinnen und Initiatoren der Gedenkinitiativen bedauernswerten Reduktion auf die vermeintlichen Kosten einer solchen Umbenennung. Federführend in der (kurzen) Grazer Debatte waren überraschenderweise nicht so sehr, wie anzunehmen, Historiker_innen oder Fachleute aus dem Bereich von Gedenkkultur im öffentlichen Raum, sondern Vertreter_innen der Steirischen Wirtschaftskammer, die mit einer „Studie“ Kosten in Millionenhöhe zu verorten meinten. Hinzu kamen Positionen einzelner politischer Fraktionen (und auch wieder der Wirtschaftskammer), es gäbe “Wichtigeres zu tun” oder man könne eben „die Geschichte nicht rückgängig machen“. Wege wie etwa in der deutschen Stadt Münster, wo es sowohl einen breit angelegten Diskussionsprozess als auch die Umbenennung eines zentralen Platzes gegeben hat (der „Hindenburg-Platz“ wurde nach reger Bürger_innenbeteiligung in „Schlossplatz“ umbenannt), oder in Wien (Umbenennung des ehem. Dr.-Karl-Lueger-Ring) wurden in Graz durch diese Reduktion der Debatte und den Beschluss im Grazer Gemeinderat bewusst nicht gegangen, wie anhand von Auszügen aus der Gemeinderatsdebatte und öffentlicher Kommentare sowie der medialen Berichterstattung erläutert werden soll.

 

12:00
Mittagspause

 

13:30
Stadt | Straße | Kunst

Moderation: Judith Laister

 

Historische Kunst-Projekte im Straßenraum von Graz

Elisabeth Fiedler
(Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark)

ABSTRACT: Auseinandersetzungen mit der Stadt Graz, spezifische Fragestellungen und Problematiken zu Stadtteilvierteln, Straßenzügen, deren historischem und gegenwärtigem Lebensumfeld oder Verweisstempeln haben innerhalb des Instituts für Kunst im öffentlichen Raum immer wieder stattgefunden. Projekte, wie Welcome von Markus Wilfling auf dem Andräplatz, (Keine) Denkmale zur Geschichte von Arbeit und Einwanderung von Kristina Leko in Kooperation mit <rotor> und Judith Laister in der Annenstraße, Bronzeblick von Gustav Troger auf dem Hauptplatz, Lauftext von Catrin Bolt von der Radetzkystraße bis zum Griesplatz, Das Monumentale ist meine Krankheit.* von Dellbrügge & de Moll am Stadtpark oder Feldstellen in Kooperation mit dem Forum Stadtpark sind in diesen Kontexten zu sehen. Äußerst unterschiedliche Ansätze und Umgangsweisen mit vielschichtigen vergangenen, in die Gegenwart reichenden Bedingungen und Bezugspunkten zeichnen diese Projekte aus. Soziale Skulptur, recherchebasierende und Migration betreffende schriftliche Ausformulierung, materielle und performative Aktionen, Wandlung des Denkmalbegriffs, Umgang mit Geschichte in Form theatraler und skulpturaler Setzung machen als diverse formale Ausprägungen inhaltliche Zusammenhänge sichtund erlebbar. Stadtgeschichte, Stadtentwicklung und seismographisch erhobener Ist-Zustand verbinden sich in sensibler Auslotung sozialer, gesellschaftlicher, politischer und ästhetischer Ausgangslagen zu neuen Aufmerksamkeiten, die stets zwischen Oberfläche, Tiefe und dem differenzierten Changieren zwischen diesen Bereichen Bedeutung gewinnen und Bewusstsein schärfen. Das weit vernetzte Projekt COMRADE CONRADE erweitert dieses stets aktuelle Feld.

 

COMRADE CONRADE
Zu friedvollen Ansätzen auf der Straße mittels Kunst

Nicole Pruckermayr mit Nayari Castillo/Hanns Holger Rutz, Reni Hofmüller, Maruša Sagadin, Sir Meisi, Johanna Tinzl, Eva Ursprung (COMRADE CONRADE)

ABSTRACT: Welche Personen sind im Stadtraum der Conrad-von-Hötzendorf-Straße wie sichtbar oder auch eingebunden in Entscheidungsprozesse und welche Lösungsansätze braucht es um ein friedvolles Miteinander konstruktiv zu leben und anzuregen? Das ist eine von mehreren Fragestellungen innerhalb des interdisziplinären Kunst-, Forschungs- und Friedensprojektes COMRADE CONRADE. Demokratie und Frieden auf der Straße. Kunst im öffentlichen Raum-Projekte spielen hier eine besondere Rolle, da sie reflektierend auf räumliche, soziale, gesellschaftliche, ökologische und politische Bezüge mittels historischer, aber auch zeitgenössischer und visionärer Ausrichtung realisiert werden und sich auf ganz konkrete Bedingungen vor Ort einlassen und versuchen mit den Menschen zu arbeiten. Übergeordnete Fragestellungen, aber auch mehrere Kunst-Projekte werden innerhalb dieses Beitrages diskutiert. Die Beschäftigung mit der Verräumlichung von Geschlechter(un)gleichheiten ist dabei eine Form der Auseinandersetzung, die unter anderem auch innerhalb des Projekts Gyges und sein Ring von Sir Meisi (Ruby Sircar/Wolfgang Meisinger) eine Rolle spielt. In Graz sind 2018 über 800 personenbezogene Straßen für Männer, 46 für Frauen namensgebend (der 47ste offiziell benamte Stadtraum wird der Bertha-von-Suttner-Platz sein). Die ökologische Dimension dieses Ausfall-Straßen-Raumes ist eine andere Komponente, die den bestimmenden Faktor Verkehr berührt. Eventuelle Giftstoffe und Schwermetalle im Boden werden innerhalb des Projekts RESONANZRAUM von Reni Hofmüller innerhalb eines demokratischen Prozesses mit Menschen vor Ort bearbeitet und möglichst verträglich entsorgt.

 

Raum als Ausprägung des Gesellschaftlichen

Elli Scambor
(Institut für Männer- und Geschlechterforschung)

Dieser Vortrag ist leider ausgefallen.

ABSTRACT: Der Gebrauch der Stadt stand im Mittelpunkt des Wissenschaft- und  Medienkunstprojekts Intersectional Map, das die Kategorien Geschlecht, Ethnie, Milieu und Alter als Achsen der Ungleichheit einer Stadt thematisierte und im Jahr 2008 in Graz durchgeführt wurde. Die benannten sozialen Kategorien bildeten die Analysekategorien der soziologischen Studie, die die alltägliche Nutzung der Stadt Graz (Wege und Orte) durch 1650 Bewohner und Bewohnerinnen im Jahr 2008 erfasste. Diese Daten wurden in den virtuellen Raum transferiert und mittels interaktiver Medieninstallationen im Grazer Stadtraum erfahrbar und erlebbar. Im Beitrag wird einerseits Einblick in die Intersectional Map Graz gewährt, insbesondere mit Fokus Conrad-von-Hötzendorf-Straße, andererseits stellen wir die Frage, in welcher Weise sich dieser städtische Raum in den letzten zehn Jahren verändert hat und was die Veränderungen mit den Lebens- und Handlungsgewohnheiten der städtischen Bewohner_innen zu tun haben.

15:30
Pause

 

16:00
Studierendenprojekte

 

Jüdisches Jakomini?
Eine Spurensuche in der Grazer Stadtgeschichte

Centrum für Jüdische Studien / Uni Graz

ABSTRACT: Im Zuge der Entwicklung des jungen Bezirkes Jakomini seit dem späten 19. Jahrhundert ließen sich auch zahlreiche jüdische Familien hier nieder. Davon gibt es jedoch auf Grund der nationalsozialistischen Verfolgung und Vertreibung in der Gegenwart keine sichtbaren Spuren mehr. Der Rundgang “Jüdisches Jakomini? Eine Spurensuche” wurde im Rahmen eines Seminars von Studierenden der Universität Graz erarbeitet und versucht rund um die Conrad-von-Hötzendorf-Straße und im Bezirk Jakomini anhand unterschiedlicher Orte das ehemalige jüdische Leben nachzuzeichnen und somit vor dem geistigen Auge wieder sichtbar zu machen. Neben dem Stadtkibbuz in der Münzgrabenstraße werden wir das Vereinsheim der Hakoah Graz in der Grazbachgasse ebenso besuchen wie Wohnadressen von vertriebenen Jüdinnen und Juden.

 

Die Straße.
Ein Stadtraum in Bewegung

Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie / Uni Graz

ABSTRACT: Straßen sind Räume in Bewegung und weltweit zentrale Orte des städtischen Lebens. Sie bieten Raum für Verkehr, Handel und Konsum, für Kommunikation und Austausch, für Feste und Demonstrationen. In einer Demokratie sind Straßen zentrale Räume der Öffentlichkeit und zeigen in ihren Nutzungen gesellschaftliche Machtverhältnisse, alltägliche Konflikte, aber auch Gemeinsinn auf. Die Studierenden des zweisemestrigen Master-Studienprojekts präsentieren ihre Forschungsideen (Fokus: Straßenpraktiken weltweit) als Kurzbeiträge für die Grazer Wandzeitung „ausreißer“ (Redaktion: Evelyn Schalk).

 

Gender Maps.
Die Conrad-von-Hötzendorf-Straße wird kartiert

Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie / Uni Graz

ABSTRACT: Sicht- und Unsichtbarkeiten verschiedener Geschlechter und deren Spuren innerhalb der Conrad-von-Hötzendorf-Straße werden mit den die Straße bestimmenden Themen, wie Sport, Werbung, Menschenrechte uvm. in Verbindung gebracht und zu Stadtkarten verarbeitet.

 

Raum planen oder planen lassen?

Studiengang Bauplanung und Bauwirtschaft / FH JOANNEUM

ABSTRACT: Am Beispiel der Conrad-von-Hötzendorf-Straße wird die Organisation und der Umgang mit öffentlichem Raum sowie den Einflussmöglichkeiten darauf seitens der Raumplanung und Raumnutzer_innen nachgegangen.

 

Stadt weiterdenken

Studiengang Bauplanung und Bauwirtschaft / FH JOANNEUM

ABSTRACT: Konzept für einen Wohnbau an der Conrad-von-Hötzendorf-Straße im Spannungsfeld zwischen städtebaulicher Eingliederung und Gebäudedesign.

 

18:30
Pause

 

19:00
Podiumsdiskussion: Wem gehört die Straße?

Moderation: Markus Bogensberger
(Haus der Architektur Graz)

Bernhard Inninger (Stadtplanungsamt Graz)
Thomas Kalcher (Institut für Wohnbau / TU Graz)
Margarethe Makovec (<rotor> Zentrum für zeitgenössische Kunst Graz)
Anke Strüver (Institut für Geographie / Universität Hamburg)

 

20:30
Buffet und Empfang des Landeshauptmanns

 

 

 

 

TAG 2 | 30. JUNI 2018

 

9:30
Keynote

Moderation: Johanna Rolshoven

 

Straße – Öffentlichkeit – Protest

Beate Binder
(Institut für Europäische Ethnologie und Zentrum transdisziplinäre Geschlechterstudien /
Humboldt-Universität zu Berlin)

ABSTRACT: Die Straße ist Raum gesellschaftlicher Verhandlung, hier werden, so das Tagungsprogramm, Demokratie und Frieden gelebt, verhandelt und repräsentiert. All dies findet im Rahmen jeweils zur Verfügung stehender kultureller Genres statt: So stehen etwa Demonstrationen und Kundgebungen mit ihrer spezifischen kurzfristigen Ko-Präsenz von „bodies in the street“ (Judith Butler) neben Formen des Gedenkens und deren Anliegen nachhaltiger Sichtbarkeit. Aus geschlechtertheoretischer, intersektionaler und räumlicher Perspektive werden dabei vor allem solche Verhandlungen in den Blick genommen, bei denen Geschlecht und Sexualität im Zentrum stehen.

 

10:30
Pause

 

10:45
Straße|Politik|Protest

Moderation: Johanna Rolshoven

 

Munizipalismus und Politik (auf) der Straße

Anke Strüver
(Institut für Geographie / Universität Hamburg)

ABSTRACT: Der Vortrag (1) diskutiert Judith Butlers Konzeption der Hervorbringung des öffentlichen Charakters von Räumen durch die Versammlung von Menschen und (2) konfrontiert dies mit den Erfahrungen aus munizipalistischen Bewegungen als Druck von der Straße.

 

Leiden am Straßenverkehr

Monika Rulfs (Öffentlichkeitsarbeit / evangelische Kirche in Hamburg)

ABSTRACT: Gerade dicht bewohnte Stadtviertel sind häufig von Hauptverkehrsadern durchzogen. Sie bringen Lärm, Luftbelastung und die Gefahr von Unfällen mit sich. Warum akzeptieren Menschen das? Wann tun sie es nicht mehr? Als ein neunjähriges Mädchen im Sommer 1991 an der Stresemannstraße in Hamburg unter die Räder eines LKW geriet und starb, gingen die Anwohner_innen direkt nach dem Unfall auf die Straße und blockierten den Verkehr – zwei Wochen lang. Was damals, sechs Jahre vor dem Tod von Lady Di und zehn Jahre vor 9/11 noch wenig verbreitet war: Sie markierten den Unfallort mit Blumen, Kerzen, Plüschtieren und Briefen. Sie empfanden diesen Tod als politisch verschuldetes Unrecht und den Straßenverkehr als existentiell bedrohlich. Die stadtethnographische Forschung „Stresemannstraße“ aus den 1990er Jahren untersuchte diese zwei Wochen, die Frage, wie ein in Deutschland alltäglicher Unfall Menschen zu solch außergewöhnlichem Protest brachte und wie dieser Protest stadtpolitisch wirkte. Die Anwohner_innen erkannten schnell, dass sich ihre Trauer um das Kind und ihre Nähe zum Geschehen nutzen ließen, um politisch gehört zu werden. Unterstützt durch große mediale Resonanz und politisch erfahrene Akteur_innen forderten sie Veränderungen auf einem Gebiet, das primär nach technischen Anforderungen organisiert war, ausgerichtet auf die Ökonomie des fließenden Verkehrs. Sie setzten verkehrsberuhigende Maßnahmen wie Tempo 30 durch; und sie erreichten, dass die Bedürfnisse von Anwohner_innen, die sozialen und seelischen Kosten des Verkehrs, ihr Leiden am Straßenverkehr wahrgenommen wurden. Übrigens: Die Schadstoffwerte (Stickstoffdioxid und Feinstaub) der „giftigsten Straße Deutschlands“ (Bild-Zeitung 2.8.1991) liegen 2018, ein Vierteljahrhundert später, immer noch weit über dem gesetzlichen Limit.

 

 

Full Stop

Folke Köbberling (Institut für Architekturbezogene Kunst / TU Braunschweig)

ABSTRACT: Folke Köbberling nutzt vorhandene Strukturen und stellt so den gewohnten Umgang mit städtischer Architektur auf subtile, oft humorvolle Weise in Frage. So beruhen viele Arbeiten auf kommunikativen und sozialen Momenten. Zugleich regen ihre Arbeiten zur Nachahmung an, zur Verbreitung und Multiplikation, weil sie mithilfe einfachster materieller Mittel zu realisieren sind. In ihrem Vortrag zeigt sie die Veränderung und Abhängigkeit unserer Gesellschaft durch den immer weiter zunehmenden individualen Automobilverkehr. In ihren künstlerischen Arbeiten setzt sie sich auf unterschiedliche Weisen mit der Absurdität dieser Mobilität auseinander. Ihre Projekte aus den letzten Jahren (manchmal in Kooperation mit Martin Kaltwasser) machen deutlich, dass Künstler_innen befreit von Zwängen und pragmatischen Kompromissen, Probleme sehen und benennen können (Maren Harnack). Der Verdacht, dass der motorisierte Individualverkehr längst ein Rückschritt ist, wird aus künstlerischer Sicht bestätigt und die Notwendigkeit, dass Alternativen dringend entwickelt und umgesetzt werden müssen: FULL STOP.

 

12:45
Mittagspause

 

14:00
Demokratie | öffentlicher Raum | Kunst

Moderation: Nicole Pruckermayr

 

Öffentliche Räume in Sham Shui Po, Hong Kong Stadt.
Die Straße als Ort gelebter Demokratie

Jürgen Krusche
(Institut für Gegenwartskunst / Zürcher Hochschule der Künste)

ABSTRACT: Die Präsentation gibt Einblick in die Ergebnisse eines künstlerischethnografischen Forschungsprojekts in Hong Kong. Im Vordergrund standen dabei die vielfältigen Nutzungen des Strassenraums, welche geprägt sind von informellen Aushandlungsprozessen sowie gegenseitiger Rücksichtnahme.

Die fragmentierte Stadt.
Ausschluss- und Aneignungserfahrungen

Thomas Schärer
(Zürcher Hochschule der Künste / Abteilung Film der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde)

ABSTRACT: Das Forschungsteam (Thomas Schärer, Jürgen Krusche, et al) von „Die fragmentierte Stadt“ sammelt subjektive Raumerfahrungen im öffentlichen Raum in Zürich, Graz und Berlin mit Foto- und videoethnografischen Methoden. Dabei stehen Ausschlusserfahrungen und Nutzungskonflikte im Fokus des Interesses.

 

Soziale Bewegungen und die Politik der Straße

Leo Kühberger (Forum Stadtpark und Universität Graz)

Nur auf der Straße können die Subalternen versuchen zu sprechen, denn die Straße ist der bevorzugte und nicht selten der einzige Ort, wo subalterne Teile der Gesellschaft Sichtbarkeit erlangen und ihrem Begehren und ihren Forderungen Ausdruck verleihen können. Der Bewegungszyklus im Anschluss an die Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2007/08 hat nicht nur wieder deutlich gemacht, dass Soziale Bewegungen ohne die Straße nicht zu denken sind, sondern auch gezeigt, dass der autoritäre Etatismus andere Räume des Politischen verschließt und damit die Straße nicht nur der Ort des Protests, sondern auch des Experiments mit Formen der „präsentischen Demokratie“ (Isabell Lorey) ist. Mit Asef Bayat ist aber nicht nur die Frage zu stellen, wer auf die Straße geht und sich warum und wie an diesen Protesten beteiligt, sondern auch wo diese „Street Politics“ stattfinden.

 

15:40
Schlusswort

Johanna Rolshoven und Gerald Lamprecht

16:00
Ende

 

 

Zur Tagung erscheint auch eine Sonderausgabe der Grazer Wandzeitung Ausreißer:

Ausgabe 82 Mai/Juni

Standort: Kernstockgasse. Foto: Nicole Pruckermayr

 

Vollständige Tagungsbroschüre

Als PDF zum Download.

 

 

Impressum

Die Tagung wird vom Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie  (Johanna Rolshoven, Judith Laister) und dem Centrum für Jüdische Studien (Gerald Lamprecht) in Zusammenarbeit mit Nicole Pruckermayr (Künstlerin, Projekt COMRADE CONRADE) konzipiert und durchgeführt. Sie findet im Rahmen des universitären Forschungsschwer- punktes der Karl-Franzens-Universität Graz „Kultur- und Deutungsgeschichte Europas“ statt.

Die Tagung wird ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung des Landes Steiermark (Referat Wissenschaft und Forschung. Das Ressort des Landeshauptmanns Hermann Schützenhöfer trägt den Empfang), der Stadt Graz (Bürgermeisteramt und Bezirksrat Jakomini), des Alfred-Schachner-Gedächtnisfonds und der Universität Graz.

Herausgeber_innen: Institut für Kulturanthropologie & EE, Centrum für Jüdische Studien in Kooperation mit COMRADE CONRADE
Redaktion und Tagungsorganisation: Lisa Eidenhammer und Nicole Pruckermayr
Mithilfe während der Tagung durch: Sabrina Stranzl, Ines Kerschitz, Stephan Ploner, Ann Kristin Müller, Yasemin Özari, Desiree Nischt, Paula Rolshoven, Sara Zigner, Johanna Menhard, Lisa Krahn, Parmida Dianat, Johanna Resel, Anna Monsberger, Johanna Pflüger
Artwork: Roman Klug, Universität Graz, Presse + Kommunikation © 2018

FOTOS: Nikolaos Zachariadis
 

Diese Veranstaltung findet während des Architektursommers 2018 statt.